Es­sen­ti­als zu Kin­der­rech­te-Netz­wer­ken

4 Es­sen­ti­als zu Kin­der­rech­te-Netz­wer­ken von Son­ja Stu­dent, Ma­ki­s­ta e.V.

Ich freue mich sehr, dass heu­te in Nie­der­sach­sen ein wei­te­res Schul­netz­werk für Kin­der­rech­te star­tet. Solch ein Mei­len­stein ist über­haupt (noch) nicht selbst­ver­ständ­lich in Deutsch­land mit sei­nen 16 Bun­des­län­dern. Trotz vie­ler ein­zel­ner Fort­schrit­te sind die Kin­der­rech­te im­mer noch nicht in al­len Bil­dungs­ein­rich­tun­gen an­ge­kom­men.

2010, also vor über 10 Jah­ren, habe ich mit Ma­ki­s­ta in Part­ner­schaft mit Unicef und un­ter Schirm­herr­schaft des hes­si­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums das ers­te Schul­netz­werk für Kin­der­rech­te in Hes­sen ge­grün­det. Der Grund da­für war die Ein­sicht, dass al­lein mit ein­zel­nen Kin­der­rechts­pro­jek­ten kei­ne nach­hal­ti­ge Kin­der­rech­te-Schul­kul­tur ent­wi­ckelt wer­den konn­te.

Des­halb herz­li­chen Glück­wunsch, dass sie heu­te in schwie­ri­gen Pan­de­mie­zei­ten mit 38 Schu­len star­ten und vom Land Nie­der­sach­sen und Unicef be­glei­tet wer­den. Sie kön­nen schon am Start auf dem auf­bau­en, was Unicef aus welt­wei­ten Pro­gram­men und ge­mein­sa­men Er­fah­run­gen ver­schie­de­ner Kin­der­rechts­pro­gram­me in Deutsch­land ein­brin­gen kann.

Im Fol­gen­den möch­te ich Ih­nen 4 Es­sen­ti­als ans Herz le­gen – aus der re­flek­tier­ten Pra­xis der Schul­ent­wick­lung zu Kin­der­rech­ten und De­mo­kra­tie.

Von­ein­an­der ler­nen – auf al­len Ebe­nen

Ein gro­ßer Vor­teil der Ar­beit in Schul­netz­wer­ken ist, dass alle Schu­len durch den re­gel­mä­ßi­gen Aus­tausch von­ein­an­der ler­nen, im Klei­nen wie im Gro­ßen. Jede Schu­le geht da­bei ih­ren in­di­vi­du­el­len Weg, Schritt für Schritt im je ei­ge­nen Tem­po. Der kol­le­gia­le Aus­tausch und die ge­mein­sa­me Be­ra­tung über Her­aus­for­de­run­gen, Schwie­rig­kei­ten und Er­fol­ge stär­ken so­wohl die ein­zel­ne Schu­le wie das Netz­werk. Das ist ein Er­geb­nis sämt­li­cher Eva­lua­tio­nen un­se­rer Netz­werk­tref­fen und Fort­bil­dun­gen. Auch ein ge­mein­sa­mes En­ga­ge­ment für ein Ziel al­ler oder vie­ler Schu­len stärkt das Be­wusst­sein von Selbst­wirk­sam­keit in der Ein­zel­schu­le wie im Netz­werk.

Was man mit­nimmt, ist ganz ver­schie­den: Es kann ein Kin­der­rech­te-Wand­bild, eine Aus­stel­lung, ein ge­lun­ge­ner Kin­der­recht­e­tag, ein Schul­cur­ri­cu­lum zu den Kin­der­rech­ten sein, ein Peer-to-peer Pro­jekt, ein Schul­pro­gramm bis hin (wie in Hes­sen 2018) zur Be­tei­li­gung an ei­ner Volks­ab­stim­mung über die Auf­nah­me der Kin­der­rech­te in die ak­tua­li­sier­te Hes­si­sche Ver­fas­sung sein.

Von­ein­an­der ler­nen gilt auch für die Ko­ope­ra­ti­on in mul­ti­pro­fes­sio­nel­len Teams mit Kin­der­rech­te-Ex­pert*in­nen aus Wis­sen­schaft, Fort­bil­dung und Pra­xis.

Von­ein­an­der ler­nen meint auch ver­ti­ka­le Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen Schu­len,Stadt­tei­len, Kom­mu­nen, Bun­des­län­dern, dem Bund und im Fal­le von Unicef der welt­wei­ten Ebe­ne. Hier möch­te ich die gute län­der­über­grei­fen­de Zu­sam­men­ar­beit ver­schie­de­ner Kin­der­rech­te-Pro­gram­me in Deutsch­land er­wäh­nen. Seit vie­len Jah­ren ar­bei­ten Unicef, das Deut­sche Kin­der­hilfs­werk und Ma­ki­s­ta im Rah­men der Na­tio­nal Co­ali­ti­on an ge­mein­sa­men Fort­bil­dun­gen, Leit­bil­dern und Qua­li­täts­kri­te­ri­en für Kin­derrrech­te-Schu­len. Ins­be­son­de­re möch­te ich die gute Zu­sam­men­ar­beit mit dem Kin­der­rech­te­pro­gramm NRW und mei­ner ge­schätz­ten Kol­le­gin Eli­sa­beth Stroet­mann her­vor­he­ben.

Kin­der­rech­te sind ganz­heit­lich mit der KRK als Be­zugs­punkt: Von im­pli­zi­ten Kin­der­rech­ten zu ex­pli­zi­ten Kin­der­rech­ten

Kin­der­rech­te sind mehr als ein The­ma im Un­ter­richt oder ein Pro­jekt zur Be­le­bung des All­tags. Sie be­deu­ten vor al­lem eine Hal­tung der päd­ago­gi­schen Fach­kräf­te und al­ler an Schu­le Be­tei­lig­ten. Sie brau­chen kin­der­recht­li­che Kom­pe­ten­zen, da­mit sie im Sin­ne der Kin­der­rech­te han­deln kön­nen. Und sie brau­chen eine ge­teil­te Kul­tur und för­der­li­che Struk­tu­ren. Der ge­mein­sa­me Be­zugs­punkt für den ge­sam­ten Schul­all­tag soll­ten die Prin­zi­pi­en der KRK sein: Zu­al­ler­erst die Ori­en­tie­rung am Wohl des Kin­des und sei­ner bes­ten In­ter­es­sen, wei­ter Schutz, Gleich­heit und Nicht-Dis­kri­mi­nie­rung, För­de­rung und Par­ti­zi­pa­ti­on. Das Letz­te­re, die Par­ti­zi­pa­ti­on, wird meis­tens als Ers­tes ver­ges­sen, schau­en wir nur auf die Be­tei­li­gung der Kin­der in Co­ro­na-Zei­ten. Alle Prin­zi­pi­en zu­sam­men bil­den so et­was wie die Tie­fen­struk­tur der KRK. Die ein­zel­nen KR-Ar­ti­kel kön­nen dann über­sicht­lich die­sen Prin­zi­pi­en zu­ge­ord­net wer­den.

Dass die Kin­der­rech­te eine men­schen- und kin­der­freund­li­che Ord­nung an der Schu­le er­mög­licht, zeigt das fol­gen­de Zi­tat der Lei­te­rin ei­ner Bil­dungs­ein­rich­tung:

„Zu­erst ha­ben wir ge­dacht: Kin­der­rech­te? Nee, das jetzt auch noch, wir sind schon pi­cke­pa­cke voll und sehr be­las­tet. Wir ha­ben uns dann trotz­dem drauf ein­ge­las­sen und im­mer mehr be­merkt: Das ist gar nichts Zu­sätz­li­ches. Im Ge­gen­teil, das gibt uns Halt und hilft uns eine gute Struk­tur zu ent­wi­ckeln.“

Ich habe vor al­lem bei den Päd­ago­gi­schen Ta­gun­gen, aber auch bei den vie­len Netz­werk­tref­fen und Ver­an­stal­tun­gen sol­che „Kicks“ er­lebt. Sie zei­gen: Al­les an der Schu­le hat mit den Kin­der­rech­ten zu tun und vie­les tun wir schon im­pli­zit. Wir ha­ben es nur bis­her nicht mit den Kin­der­rech­ten ver­bun­den und ihre Ver­bind­lich­keit für die Schu­le fest­ge­schrie­ben. Aus­ge­hend von den Grund­prin­zi­pi­en der KRK kön­nen wir jetzt schau­en: Was ma­chen wir schon gut und wo kön­nen wir uns ver­bes­sern. Erst wenn die im­pli­zi­ten Vor­ha­ben und Res­sour­cen für die Kin­der­rech­te be­wusst und ex­pli­zit ge­macht wer­den, kann eine Kul­tur der Kin­der­rech­te ent­ste­hen, auf die sich alle Kin­der und Er­wach­se­nen be­zie­hen kön­nen.

Eine Lern­spi­ra­le: Wis­sen – Er­le­ben – En­ga­ge­ment

Die Ganz­heit­lich­keit der Kin­der­rech­te be­zieht sich auch auf die Art und Wei­se, wie die Kin­der­rech­te ge­lebt und ge­lernt wer­den. Hand­lungs­lei­tend da­bei ist die Ori­en­tie­rung an den drei Ebe­nen der Men­schen­rechts­bil­dung:

Wis­sen über die Kin­der­rech­te –je­weils al­ters­ge­mäß über­setzt. Das stärkt die Kin­der in der Wahr­neh­mung ih­rer Rech­te. Es hilft ih­nen sprech­fä­hig zu blei­ben, wenn ihre Rech­te ver­letzt wer­den. Und es un­ter­stützt sie, sich für ihre ei­ge­nen Rech­te und die an­de­rer Kin­der ein­zu­set­zen. Bei der In­for­ma­ti­on über Kin­der­rech­te soll­ten Kin­der selbst eine ak­ti­ve Rol­le spie­len, sei es z. B. als Peers in der ei­ge­nen Schu­le oder z. B. in Ver­ant­wor­tungs­pro­jek­ten in ei­ner be­nach­bar­ten Kita oder an­de­ren Ein­rich­tun­gen.

Grund­sätz­lich gilt: Kin­der und Ju­gend­li­che ver­ste­hen am bes­ten, was Kin­der­rech­te sind, wenn sie er­le­ben, dass sie im Sin­ne der Kin­der­rech­te be­han­delt wer­den. Je jün­ger die Kin­der sind, umso wich­ti­ger ist die Er­leb­nis­ebe­ne, das Ler­nen durch Kin­der­rech­te.

Feh­ler­freund­lich­keit und die Fä­hig­keit zur Selbst­re­fle­xi­on und Selbst­kri­tik sind wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen da­für, dass sich in Kol­le­gi­en und Teams eine kin­der­rechts­be­wuss­te Hal­tung ent­wi­ckelt.

Im En­ga­ge­ment für Kin­der­rech­te er­fah­ren sich Kin­der und Ju­gend­li­che als selbst­wirk­sam in der ei­ge­nen Ein­rich­tung, in der Ge­mein­de oder in welt­wei­ten Zu­sam­men­hän­gen.

Die drei Ebe­nen der Kin­der­rechts­bil­dung ge­hö­ren zu­sam­men und ver­stär­ken sich ge­gen­sei­tig – das gilt für Kin­der und Er­wach­se­ne. So ent­steht eine Spi­ra­le des Ler­nens.

Vom Ende her den­ken und den nächs­ten Schritt ge­hen

Kin­der­rech­te in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen sind ein ge­mein­sa­mes Ziel staat­li­cher Ein­rich­tun­gen und der Zi­vil­ge­sell­schaft. (Durch die Ra­ti­fi­zie­rung der KRK ist die Ver­wirk­li­chung der Kin­der­rech­te eine staat­li­che Ver­pflich­tung im Rang ei­nes ein­fa­chen Bun­des­ge­set­zes. Hof­fent­lich wer­den die Kin­der­rech­te durch die Auf­nah­me ins Grund­ge­setz wei­ter auf­ge­wer­tet).

Was Sie heu­te als in­no­va­ti­ves Pro­gramm star­ten, soll­te mit Hil­fe ih­rer Er­geb­nis­se und Er­kennt­nis­se in Zu­kunft Stan­dard für alle Schu­len in Nie­der­sach­sen, aber auch bun­des­weit wer­den. Auf dem (nicht ganz kur­zen) Weg da­hin wer­den Sie High­lights, Feh­ler und Ent­wick­lun­gen er­le­ben.

Die gute Nach­richt: Sie sind Teil ei­ner gro­ßen und sehr aus­dau­ern­den Be­we­gung, de­ren ein­zel­ne Schrit­te so­wohl Ge­gen­wart und Zu­kunft der Kin­der ver­än­dern – für die Kin­der und mit den Kin­dern.

Aus tiefs­ter Über­zeu­gung nach 20 Jah­ren Schul­ent­wick­lung zu Kin­der­rech­ten und De­mo­kra­tie (bei­des ge­hört un­trenn­bar zu­sam­men in ei­ner men­schen­rechts­ba­sier­ten De­mo­kra­tie als Staats-, Ge­sell­schafts- und Le­bens­form) kann ich Ih­nen ver­si­chern: Es lohnt sich! Denn Kin­der­rech­te­schu­len sind Schu­len der Mensch­lich­keit und der Men­schen­rech­te von An­fang an. Un­ser ge­mein­sa­mes En­ga­ge­ment ver­bes­sert nicht nur un­se­re ei­ge­ne Schu­le, son­dern ver­tieft auch un­se­re ei­ge­ne Mensch­lich­keit.

Herz­li­chen Dank!